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Job Shadowing im Osten von Polen

Erasmus Polen Belzec kleinIn Galizien und den umliegenden Regionen – heute aufgeteilt in ein Ostpolen und Westukraine – schlug einst das Herz Europas. Doch das ist lang her und Jahrzehnte des „Eisernen Vorhangs“ haben uns von der Region entfremdet. Zwar benötigt man von unserer Hauptstadt Berlin bis Lublin, Zamosc oder Lwiw mehrere hundert Kilometer weniger als nach Paris. Aber unsere „mental map“ sagt etwas Anderes. Während eines Job Shadowings in Polen zur Vorbereitung eines Projekts für Schüler*innen zu verschiedenen europäischen Erinnerungskulturen über den Zweiten Weltkrieg begeben wir uns auf die Spuren der vielschichtigen und tief mit der unseren verflochtenen Geschichte der Region. Und hören das Herz Europas leise schlagen. 

Zamosc: italienische Renaissance-Architektur im Osten Polens

Ziel unseres Job Shadowings ist die ostpolnische Kleinstadt Zamosc, in der sich unsere Partnerschule, die nichtstaatliche Europaschule „I Społeczne Liceum Ogólnokształcące im. Unii Europejskiej w Zamościu“ befindet. Wer in Zamosc ankommt und eine provinzielle ostpolnische Kleinstadt auf dem Land erwartet, der reibt sich erst einmal die Augen und fragt sich: Bin ich irgendwo falsch abgebogen und in einer italienischen Renaissance-Stadt gelandet?

Erasmus Polen Zamosc Rathaus klein

Zamosc ist heute eine Stadt mit knapp 60.000 Einwochner*innen im ländlichen Umfeld. Aber es ist nicht irgendeine Stadt. Die historische und architektonische Schönheit der Altstadt ist bestechend und ihre Geschichte ein anschauliches Dokument für die hohen Ambitionen der heute ländlich-ruhigen Region. Der Gründer der Stadt, Jan Zamoyski, gab im 16. Jahrhundert nichts weniger als den Bau einer idealen Stadt in Auftrag. Dazu engagierte er den italienischen Architekten Bernardo Morando, der die Planstadt nach dem Vorbild italienischer Renaissance-Städte organisierte. Zentrum der Stadt ist ein 100x100 Meter großer Platz, der vom mächtigen Rathaus und prunkvollen Bürgerhäusern gesäumt wird. Besonders sehenswert sind die armenischen Bürgerhäuser rechts des Rathauses. Für das Zusammenleben in einer idealen Stadt bedurfte es nämlich auch der Ansiedlung von Vertreter*innen der großen Religionen: Im historischen Kern von Zamosc finden wir eine sephardische Synagoge (einzigartig in Polen) sowie eine orthodoxe und eine katholische Kirche - alles heute gut erhalten bzw. restauriert und zu besichtigen. Somit zeugt die Geschichte der Stadt von der kulturellen und religiösen Vielfalt, die diese Region einst bestimmte. 

Zamosc im Zweiten Weltkrieg

Leider erzählt die Geschichte der Stadt und ihrer Umgebung auch von der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Davon erfahren wir in der nächsten Woche sehr viel, denn darauf liegt auch der Schwerpunkt unseres Job Shadowings: auf der regionalen Erinnerungskultur im Umgang mit den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs. 

Mit Einmarsch der deutschen Truppen nach Beginn des Zweiten Weltkriegs begann unter Kreishauptmann Helmut Weihenmaier eine brutale Zeit der Besatzung und des Widerstandskampfes. Die allermeisten Juden von Zamosc wurden im Frühjahr 1941 im Ghetto Zamosc zusammengebracht und ab April 1942 in das umliegende Vernichtungslager Belzec transportiert und dort ermordet. Anschließend wurde das eingerichtete Ghetto von Zamosc zur Unterbringung von jüdischen Menschen aus anderen Ländern benutzt, bevor diese ebenfalls in die umliegenden Vernichtungslager weitertransportiert und dort ermordet wurden. So geschah dies auch mit einem Zug, der am 30. April 1942 Dortmund verließ und 791 jüdische Männer und Frauen aus dem Regierungsbezirk Arnsberg umfasste, darunter 65 jüdische Menschen aus Bochum. Niemand, der sich am 30. April 1942 in diesem Zug befand, überlebte.

Doch auch für die polnisch-christliche Bevölkerung begann mit der Besatzungszeit der Deutschen eine Phase brutaler Unterdrückung. Für die Deutschen hatte die Stadt, die im Zentrum des damaligen Polens lag, nämlich eine besondere Bedeutung. Sie bildete das Zentrum der sogenannten „Germanisierungspolitik“ und sollte in „Heinrich-Himmler-Stadt“ umbenannt werden. Die Stadt und der Umkreis von Zamosc sollten von „Volksdeutschen“ neu besiedelt werden. Um dies zu erreichen, mussten jedoch zunächst die hier lebenden Menschen umgesiedelt werden. Einen solchen Plan erfassten Heinrich Himmler persönlich und der Lubliner Polizei- und SS-Führer Odilo Globocznik und setzten ihn mit der „Aktion Zamosc“ ab dem 27. November 1942 in die Tat um. In der „Aktion Zamosc“ gingen die deutschen Besatzer enorm brutal vor. Kinder, die dem deutschen Rasseideal entsprachen, wurden von ihren Familien getrennt, nach Deutschland geschickt und dort in Lebensborn-Heime untergebracht oder zur Adoption freigegeben. Viele Menschen wurden sofort erschossen oder erschlagen. Andere, die Widerstand leisteten, wurden nach Auschwitz deportiert. Weitere wurden zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich geschickt und diejenigen, die zu jung oder alt waren zu arbeiten, wurden in ehemalige jüdische Siedlungen deportiert. Dort starben viele von ihnen aufgrund von Unterernährung oder Krankheit. Dass die Umsiedlungen gemäß den Vorstellungen im „Generalplan Ost“ letztlich scheiterten, lag auch am starken Widerstand der örtlichen Bevölkerung. Viele Menschen entzogen sich der Umsiedlung durch die Deutschen und flüchteten sich in die umliegenden Wälder und schlossen sich dort Partisanengruppen an. 

Erinnerungsorte in Zamosc und Umgebung

Während unseres Aufenthalts konnten wir von dieser Geschichte viel erfahren und besichtigten zahlreiche Erinnerungsorte, die von diesen zahlreichen Aspekten der Geschichte Zeugnis ablegen und von denen wir hier nur eine Auswahl vorstellen können: 

-die Rotunde in Zamosc

Die „Rotunde“, Teil einer russischen Befestigungsanlage aus dem 19. Jahrhundert, wurde von den deutschen Besatzern ab 1939 als Ort für Exekutionen der polnischen Intelligenz genutzt. 1940 wurde hier ein Durchgangslager eingerichtet. Besonders im Rahmen der „Aktion Zamosc“ verhaftete Polen und Polinnen wurden hierher verschleppt und viele von ihnen vor Ort erschossen. Heute geht man von 6000 bis 8000 Todesopfern im Durchgangslager der Rotunde von Zamosc aus. Schon seit 1947 ist die Rotunde ein Gedenkort und für das regionale Gedenken an die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs in Zamosc von besonderer Bedeutung. 

Rotunde Zamos klein

 

-das „Museum Historyczne“ in Bondyrz und ehemalige Partisanenrouten im heutigen Nationalpark Roztocze

Sehr interessant war für uns auch der Besuch des Historischen Museums in Bondyrz, einem kleinen Museum in der Nähe von Zamosc, welches der Geschichte der Heimatarmee und dem Widerstandskampf der Region im Zweiten Weltkrieg gewidmet war. Im Zentrum der Ausstellung steht die Geschichte des Gründers des Museums Jan Witold Sitek, der nicht nur ein begeisterter Hobby-Paläontologe und Freizeit-Historiker war. Er gehörte selbst der polnischen Untergrundbewegung an. 1950 wurde er aufgrund seines fortwährenden Kampfes für ein unabhängiges Polen im sowjetisch besetzten Polen verhaftet, im Gefängnis des Lubliner Schlosses inhaftiert und erst 1953 entlassen. Bemerkenswert für uns war an dem Besuch des kleinen Museums, dass es erstens allein auf der Initiative eines einzigen Mannes beruhte und sowohl die Konzeption des Museums als auch die Ausstellungsgegenstände wirklich beachtlich waren. Und zweitens erzählt das Museum eine in Deutschland oft vergessene Geschichte des Zweiten Weltkriegs, die in Polen aber umso präsenter ist: die Geschichte der polnischen Untergrundkämpfer des Zweiten Weltkriegs, deren Verfolgung und Repression nach 1945 jedoch nicht beendet war, sondern unter den Voraussetzungen der Sowjetrepublik fortgesetzt wurde. Im Anschluss an den Besuch des Museums fuhren wir noch in den nahegelegenen Roztocze-Nationalpark, wo wir auf einer Fahrradtour alte Partisanenrouten und -verstecke aus dem Zweiten Weltkrieg aufspürten. 

Partisanenversteck heute Roztocze klein

Museum klein

-die Gedenkstätte Belzec

Ein Besuch der Gedenkstätte Belzec ist jedes Mal wieder eine gleichermaßen eindrucksvolle und überaus bedrückende Erfahrung. Unter Lagerkommandant Christian Wirth und später unter Gottlieb Hering ermordeten einige SS-Männer und die hier stationierten sogenannten Trawnicki-Männer etwa 450.000 jüdische Menschen im Zeitraum zwischen März 1942 und Dezember 1942. Belzec war somit im Gegensatz etwa zu dem Lagerkomplex in Auschwitz ein reines Mordlager. Es gab keinen Selektionsprozess. Die allermeisten hierher deportierten Juden und Jüdinnen wurden innerhalb weniger Stunden nach ihrer Ankunft ermordet. Auch jüdische Menschen aus dem Regierungsbezirk Arnsberg, die sich im April 1942 in dem Deportationszug nach Zamosc befanden, wurden hier in Belzec ermordet. Es gibt nur drei bekannte Überlebende, die aus dem Lager entkommen konnten. Heute befindet sich hier eine Gedenkstätte mit einem Museum, das sehr informativ und sehenswert ist.

Friedhof in Radruz klein

-die Holzkirche von Radruz

Was uns während unseres Aufenthalts auch beeindruckte, ist die vielseitige, multikulturelle Geschichte der Region. Wer sich ein wenig mit der Geschichte Galiziens und der anliegenden Regionen auskennt, für den ist das zwar keine Überraschung. Aber eindrucksvoll ist es dann doch, auf engstem Raum Zeugnisse polnisch-russisch-österreichisch-ukrainisch-armenisch-jüdischen Zusammenlebens zu entdecken: armenische Kaufmannshäuser, jüdische Friedhöfe und Synagogen, österreichische Soldatenfriedhöfe aus dem Ersten Weltkrieg und vieles mehr. Besonders die Verbindungen in der ukrainisch-polnischen Geschichte sind in der Grenzregion evident. Ein bemerkenswertes Beispiel hierfür ist die Holzkirche von Radruz. Sie stammt aus dem 16. Jahrhundert und ist die am besten erhaltene unter einer ganzen Reihe christlich-orthodoxer Holzkirchen im ukrainisch-polnischen Grenzgebiet, die heute im UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen sind. Mit der Zwangsumsiedlung der örtlichen ukrainischen Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg verlor die Kirche wie einige weitere in der Region ihre Gemeinde und war funktionslos. Später wurde die Holzkirche von Radruz allerdings restauriert und nun befindet sich hier ein Museum. 

Erasmus Polen armenische Häuser klein

Last but not least: die polnische Gastfreundschaft (machmal auch mit bayerischem Akzent)

Auch sie ist ein europäisches Kulturgut, das keinesfalls in Vergessenheit geraten sollte! Dank unserer polnischen Kolleg*innen konnten wir in kurzer Zeit unheimlich viel über die Region erfahren, wurden auf allen Ausflügen fachkundig und mit Übersetzer begleitet, dazu in urige Dorfrestaurants zu üppigem Mittagessen eingeladen. Hatten wir einen Wunsch oder fehlte es uns an etwas, mussten wir nur danach fragen und sofort wurde alles in Bewegung gesetzt, um unseren Wunsch zu erfüllen. Dazu gesellten sich immer wieder kleinere Gastgeschenke und Aufmerksamkeiten wie selbst gebackene Kekse, warmer Tee und Kleidung für Fahrradausflüge, Tipps für letzte Besorgungen und eine unvergessene Einladung zu einem bayerischen Christkindl-Glühwein ins Haus unseres Übersetzers Marek, der selbst Jahrzehnte in Rosenheim gelebt und vor seinem Haus in der ostpolnischen Provinz die bayerische Fahne gehisst hat. Wenn er uns mit einem „Servus“ begrüßte und in warmen Worten von der bayerischen Lebensart zu schwärmen begann, fühlten wir uns fast wie Daheim in Deutschland und können uns nur revanchieren, indem wir in ähnlich herzlichen Tönen von der polnischen erzählen.  

 

Diese Aktivität wurde unterstützt durch: 

 

Erasmusplus enriching lives Kofinanziert von der Europaeischen Union Web blau

 

Job Shadowing im Osten von Polen



In Galizien und den umliegenden Regionen – heute aufgeteilt in ein Ostpolen und Westukraine – schlug einst das Herz Europas. Doch das ist lang her und Jahrzehnte des „Eisernen Vorhangs“ haben uns von der Region entfremdet. Zwar benötigt man von unserer Hauptstadt Berlin bis Lublin, Zamosc oder Lwiw mehrere hundert Kilometer weniger als nach Paris. Aber unsere „mental map“ sagt etwas Anderes. Während eines Job Shadowings in Polen zur Vorbereitung eines Projekts für Schüler*innen zu verschiedenen europäischen Erinnerungskulturen über den Zweiten Weltkrieg begeben wir uns auf die Spuren der vielschichtigen und tief mit der unseren verflochtenen Geschichte der Region. Und hören das Herz Europas leise schlagen.



Zamosc: italienische Renaissance-Architektur im Osten Polens

Ziel unseres Job Shadowings ist die ostpolnische Kleinstadt Zamosc, in der sich unsere Partnerschule, die nichtstaatliche Europaschule „I Społeczne Liceum Ogólnokształcące im. Unii Europejskiej w Zamościu“ befindet. Wer in Zamosc ankommt und eine provinzielle ostpolnische Kleinstadt auf dem Land erwartet, der reibt sich erst einmal die Augen und fragt sich: Bin ich irgendwo falsch abgebogen und in einer italienischen Renaissance-Stadt gelandet?

Zamosc ist heute eine Stadt mit knapp 60.000 Einwochner*innen im ländlichen Umfeld. Aber es ist nicht irgendeine Stadt. Die historische und architektonische Schönheit der Altstadt ist bestechend und ihre Geschichte ein anschauliches Dokument für die hohen Ambitionen der heute ländlich-ruhigen Region. Der Gründer der Stadt, Jan Zamoyski, gab im 16. Jahrhundert nichts weniger als den Bau einer idealen Stadt in Auftrag. Dazu engagierte er den italienischen Architekten Bernardo Morando, der die Planstadt nach dem Vorbild italienischer Renaissance-Städte organisierte. Zentrum der Stadt ist ein 100x100 Meter großer Platz, der vom mächtigen Rathaus und prunkvollen Bürgerhäusern gesäumt wird. Besonders sehenswert sind die armenischen Bürgerhäuser rechts des Rathauses. Für das Zusammenleben in einer idealen Stadt bedurfte es nämlich auch der Ansiedlung von Vertreter*innen der großen Religionen: Im historischen Kern von Zamosc finden wir eine sephardische Synagoge (einzigartig in Polen) sowie eine orthodoxe und eine katholische Kirche - alles heute gut erhalten bzw. restauriert und zu besichtigen. Somit zeugt die Geschichte der Stadt von der kulturellen und religiösen Vielfalt, die diese Region einst bestimmte.

Zamosc im Zweiten Weltkrieg

Leider erzählt die Geschichte der Stadt und ihrer Umgebung auch von der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Davon erfahren wir in der nächsten Woche sehr viel, denn darauf liegt auch der Schwerpunkt unseres Job Shadowings: auf der regionalen Erinnerungskultur im Umgang mit den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs.

Mit Einmarsch der deutschen Truppen nach Beginn des Zweiten Weltkriegs begann unter Kreishauptmann Helmut Weihenmaier eine brutale Zeit der Besatzung und des Widerstandskampfes. Die allermeisten Juden von Zamosc wurden im Frühjahr 1941 im Ghetto Zamosc zusammengebracht und ab April 1942 in das umliegende Vernichtungslager Belzec transportiert und dort ermordet. Anschließend wurde das eingerichtete Ghetto von Zamosc zur Unterbringung von jüdischen Menschen aus anderen Ländern benutzt, bevor diese ebenfalls in die umliegenden Vernichtungslager weitertransportiert und dort ermordet wurden. So geschah dies auch mit einem Zug, der am 30. April 1942 Dortmund verließ und 791 jüdische Männer und Frauen aus dem Regierungsbezirk Arnsberg umfasste, darunter 65 jüdische Menschen aus Bochum. Niemand, der sich am 30. April 1942 in diesem Zug befand, überlebte.

Doch auch für die polnisch-christliche Bevölkerung begann mit der Besatzungszeit der Deutschen eine Phase brutaler Unterdrückung. Für die Deutschen hatte die Stadt, die im Zentrum des damaligen Polens lag, nämlich eine besondere Bedeutung. Sie bildete das Zentrum der sogenannten „Germanisierungspolitik“ und sollte in „Heinrich-Himmler-Stadt“ umbenannt werden. Die Stadt und der Umkreis von Zamosc sollten von „Volksdeutschen“ neu besiedelt werden. Um dies zu erreichen, mussten jedoch zunächst die hier lebenden Menschen umgesiedelt werden. Einen solchen Plan erfassten Heinrich Himmler persönlich und der Lubliner Polizei- und SS-Führer Odilo Globocznik und setzten ihn mit der „Aktion Zamoscab dem 27. November 1942 in die Tat um. In der „Aktion Zamosc“ gingen die deutschen Besatzer enorm brutal vor. Kinder, die dem deutschen Rasseideal entsprachen, wurden von ihren Familien getrennt, nach Deutschland geschickt und dort in Lebensborn-Heime untergebracht oder zur Adoption freigegeben. Viele Menschen wurden sofort erschossen oder erschlagen. Andere, die Widerstand leisteten, wurden nach Auschwitz deportiert. Weitere wurden zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich geschickt und diejenigen, die zu jung oder alt waren zu arbeiten, wurden in ehemalige jüdische Siedlungen deportiert. Dort starben viele von ihnen aufgrund von Unterernährung oder Krankheit. Dass die Umsiedlungen gemäß den Vorstellungen im „Generalplan Ost“ letztlich scheiterten, lag auch am starken Widerstand der örtlichen Bevölkerung. Viele Menschen entzogen sich der Umsiedlung durch die Deutschen und flüchteten sich in die umliegenden Wälder und schlossen sich dort Partisanengruppen an.

Erinnerungsorte in Zamosc und Umgebung

Während unseres Aufenthalts konnten wir von dieser Geschichte viel erfahren und besichtigten zahlreiche Erinnerungsorte, die von diesen zahlreichen Aspekten der Geschichte Zeugnis ablegen und von denen wir hier nur eine Auswahl vorstellen können:

-die Rotunde in Zamosc

Die „Rotunde“, Teil einer russischen Befestigungsanlage aus dem 19. Jahrhundert, wurde von den deutschen Besatzern ab 1939 als Ort für Exekutionen der polnischen Intelligenz genutzt. 1940 wurde hier ein Durchgangslager eingerichtet. Besonders im Rahmen der „Aktion Zamosc“ verhaftete Polen und Polinnen wurden hierher verschleppt und viele von ihnen vor Ort erschossen. Heute geht man von 6000 bis 8000 Todesopfern im Durchgangslager der Rotunde von Zamosc aus. Schon seit 1947 ist die Rotunde ein Gedenkort und für das regionale Gedenken an die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs in Zamosc von besonderer Bedeutung.



-das „Museum Historyczne“ in Bondyrz und ehemalige Partisanenrouten im heutigen Nationalpark Roztocze

Sehr interessant war für uns auch der Besuch des Historischen Museums in Bondyrz, einem kleinen Museum in der Nähe von Zamosc, welches der Geschichte der Heimatarmee und dem Widerstandskampf der Region im Zweiten Weltkrieg gewidmet war. Im Zentrum der Ausstellung steht die Geschichte des Gründers des Museums Jan Witold Sitek, der nicht nur ein begeisterter Hobby-Paläontologe und Freizeit-Historiker war. Er gehörte selbst der polnischen Untergrundbewegung an. 1950 wurde er aufgrund seines fortwährenden Kampfes für ein unabhängiges Polen im sowjetisch besetzten Polen verhaftet, im Gefängnis des Lubliner Schlosses inhaftiert und erst 1953 entlassen. Bemerkenswert für uns war an dem Besuch des kleinen Museums, dass es erstens allein auf der Initiative eines einzigen Mannes beruhte und sowohl die Konzeption des Museums als auch die Ausstellungsgegenstände wirklich beachtlich waren. Und zweitens erzählt das Museum eine in Deutschland oft vergessene Geschichte des Zweiten Weltkriegs, die in Polen aber umso präsenter ist: die Geschichte der polnischen Untergrundkämpfer des Zweiten Weltkriegs, deren Verfolgung und Repression nach 1945 jedoch nicht beendet war, sondern unter den Voraussetzungen der Sowjetrepublik fortgesetzt wurde. Im Anschluss an den Besuch des Museums fuhren wir noch in den nahegelegenen Roztocze-Nationalpark, wo wir auf einer Fahrradtour alte Partisanenrouten und -verstecke aus dem Zweiten Weltkrieg aufspürten.

-die Gedenkstätte Belzec

Ein Besuch der Gedenkstätte Belzec ist jedes Mal wieder eine gleichermaßen eindrucksvolle und überaus bedrückende Erfahrung. Unter Lagerkommandant Christian Wirth und später unter Gottlieb Hering ermordeten einige SS-Männer und die hier stationierten sogenannten Trawnicki-Männer etwa 450.000 jüdische Menschen im Zeitraum zwischen März 1942 und Dezember 1942. Belzec war somit im Gegensatz etwa zu dem Lagerkomplex in Auschwitz ein reines Mordlager. Es gab keinen Selektionsprozess. Die allermeisten hierher deportierten Juden und Jüdinnen wurden innerhalb weniger Stunden nach ihrer Ankunft ermordet. Auch jüdische Menschen aus dem Regierungsbezirk Arnsberg, die sich im April 1942 in dem Deportationszug nach Zamosc befanden, wurden hier in Belzec ermordet. Es gibt nur drei bekannte Überlebende, die aus dem Lager entkommen konnten. Heute befindet sich hier eine Gedenkstätte mit einem Museum, das sehr informativ und sehenswert ist.



-die Holzkirche von Radruz

Was uns während unseres Aufenthalts auch beeindruckte, ist die vielseitige, multikulturelle Geschichte der Region. Wer sich ein wenig mit der Geschichte Galiziens und der anliegenden Regionen auskennt, für den ist das zwar keine Überraschung. Aber eindrucksvoll ist es dann doch, auf engstem Raum Zeugnisse polnisch-russisch-österreichisch-ukrainisch-armenisch-jüdischen Zusammenlebens zu entdecken: armenische Kaufmannshäuser, jüdische Friedhöfe und Synagogen, österreichische Soldatenfriedhöfe aus dem Ersten Weltkrieg und vieles mehr. Besonders die Verbindungen in der ukrainisch-polnischen Geschichte sind in der Grenzregion evident. Ein bemerkenswertes Beispiel hierfür ist die Holzkirche von Radruz. Sie stammt aus dem 16. Jahrhundert und ist die am besten erhaltene unter einer ganzen Reihe christlich-orthodoxer Holzkirchen im ukrainisch-polnischen Grenzgebiet, die heute im UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen sind. Mit der Zwangsumsiedlung der örtlichen ukrainischen Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg verlor die Kirche wie einige weitere in der Region ihre Gemeinde und war funktionslos. Später wurde die Holzkirche von Radruz allerdings restauriert und nun befindet sich hier ein Museum.



Last but not least: die polnische Gastfreundschaft (machmal auch mit bayerischem Akzent)

Auch sie ist ein europäisches Kulturgut, das keinesfalls in Vergessenheit geraten sollte! Dank unserer polnischen Kolleg*innen konnten wir in kurzer Zeit unheimlich viel über die Region erfahren, wurden auf allen Ausflügen fachkundig und mit Übersetzer begleitet, dazu in urige Dorfrestaurants zu üppigem Mittagessen eingeladen. Hatten wir einen Wunsch oder fehlte es uns an etwas, mussten wir nur danach fragen und sofort wurde alles in Bewegung gesetzt, um unseren Wunsch zu erfüllen. Dazu gesellten sich immer wieder kleinere Gastgeschenke und Aufmerksamkeiten wie selbst gebackene Kekse, warmer Tee und Kleidung für Fahrradausflüge, Tipps für letzte Besorgungen und eine unvergessene Einladung zu einem bayerischen Christkindl-Glühwein ins Haus unseres Übersetzers Marek, der selbst Jahrzehnte in Rosenheim gelebt und vor seinem Haus in der ostpolnischen Provinz die bayerische Fahne gehisst hat. Wenn er uns mit einem „Servus“ begrüßte und in warmen Worten von der bayerischen Lebensart zu schwärmen begann, fühlten wir uns fast wie Daheim in Deutschland und können uns nur revanchieren, indem wir in ähnlich herzlichen Tönen von der polnischen erzählen.



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